Des Meenzers liebster Neger

Wenn das größte Dorf in Rheinland_Pfalz in überregionalen Medien Erwähnung erfährt, darf außer der dummdeutschen Wiederholung des Immergleichen nichts erwartet werden. So geschehen am 9. Januar 2014, als die FAZ auf Seite 2 über den Identitätsprovinzler Thomas Neger und seine vom Großvater übernommene Dachdeckerfirma berichtete. Anlass war das Firmenlogo, das einen Hammer schwingenden stilisierten Schwarzen mit überdimensionierten Lippen und Ohrringen zeigt. Dass das Logo erst in letzter Zeit auf Widerspruch stößt, ist peinlich genug. Weit gefehlt aber in der Provinzhauptstadt Mainz, in der, so CDU-Stadtrat Hannsgeorg Schönig, niemand sich daran stößt. Der Diskriminierungsexperte Schönig weiß des Weiteren die Gemüter zu beruhigen, schließlich sei die Grafik unproblematisch und einzig »eine bildliche Umsetzung des Namens Neger mit allen künstlerischen Freiheiten«.[1]

Der in Mainz weltbekannte Ernst Neger – so bekannt, dass gar der Volksdeutsche Norbert Blüm zum Besten gab, dass jedem, der von Negers ›Humba Täterä‹ bisher verschont geblieben ist, die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen werden müsse [2] – etablierte das Logo. Womöglich ließ sich der 1934 zur Prinzengarde gestoßene Ernst Neger von einigen kolonialrevisionistischen Mottowagen auf dem Mainzer Rosenmontagsumzügen inspirieren, die den doch ach so lebensfrohen und lustigen Meenzern das Leben im Nationalsozialismus versüßt haben. Die den Karnevalisten vorgeführten antisemitischen Motivwagen ›Reise nach Jüdland‹ oder ›Han mer auch gemacht Eintopf‹ [3], letzterer bezog sich auf die sogenannten Mainzer ›Weinbetrüger-Prozesse‹, kamen sicher auch gut an im lustigen Mainz. Als Markenwerbung gab der Antisemitismus aber nur wenig her, schließlich war der einschlägige Slogan nicht positiv: ›Kauft antisemitisch‹, sondern negativ: ›Kauft nicht bei Juden‹; auch wenn Bäder und Hotels schon vor dem NS damit warben, dass sie ›judenfrei‹ seien.[4] Hinzu kam, dass mit der Niederschlagung des Nationalsozialismus der ›offene‹ Antisemitismus diskreditiert war und keinen markentechnischen Ansatzpunkt bot. Vielmehr setzte spätestens am 08. Mai 1945 ein schwer zu erklärender Gedächtnisschwund ein, der die eigenen Taten schnell vergessen ließ. Und mehr: die Deutschen im Allgemeinen und die Mainzer im Besonderen sahen sich als Opfer. Ein nicht zu unterschätzender ›kultureller‹ Beitrag zur Umkehrung des Täter-Opfer-Verhältnisses kam dabei von Ernst Neger, der das populäre Kinderlied ›Heile, heile Gänsje‹ unter anderem um folgende auf Mainz bezogene Zeilen ergänzte: »Ich bau‘ dich wieder auf geschwind / ja du warst doch gar nicht schuld / ich mach‘ dich widder wunderschön / du kannst, du darfst nicht untergeh’n«.[5] Die in der Passage zutage tretende Schuldabwehr, die keineswegs nur ein Markenzeichen der Mainzer war, wird komplettiert mit der Lokalkolorit-Mär von der Willkür der Alliierten gegenüber den vermeintlich unschuldigen Mainzern: »Man hat’s zerstört, hat’s zweigeteilt«.[6] Die, die einst die deutschen Juden aus ihren Karnevalsvereinen ausgeschlossen hatten und sie der Verfolgung preisgaben, waren nach 1945 natürlich alles Widerständler: eigentlich war Deutschland, abgesehen von einer verschwindend kleinen Clique, ein Hort des antifaschistischen Widerstands. Bis heute kann man sich die selbst geglaubte Lüge der Mainzer Zwangslustigen anhören, dass der Karneval kritisch, unabhängig und widerständig blieb. Wie sich einst die Raffenden unter die Schaffenden einreihten und sich den Reichtum des jüdischen Nachbarn unter den Nagel rissen, so verkehrt sich nach 1945 das Verhältnis von Tätern und Opfern.

Deutlich attraktiver für die Vermarktung der Dachdeckerfirma Neger war das Ticket des antischwarzen Rassismus, das insbesondere vermittelt über die stereotype Figur des Mohren auf eine große Tradition in der Werbung zurückgreifen konnte – und der Erfolg von Marken wie Sarotti, Bullrich-Salz oder Afri-Cola wird dem Unternehmer nicht entgangen sein.[7] Wann genau das Logo entwickelt wurde ist dabei egal, da sich bezüglich des Bildes von Afrikanern im Nachkriegsdeutschland wenig geändert hat, wie eindrucksvoll der unter den Nazis produzierte, unter den Alliierten verbotene und 1953 erfolgreich uraufgeführte Film ›Quax in Afrika‹ verdeutlicht. Wahlweise kann auch der Film ›Toxi‹ angeführt werden oder die Aussagen von Luise Rehling (CDU) im Deutschen Bundestag 1952, die meinte, dass »Negermischlinge, die ein menschliches und rassisches Problem besonderer Art darstellen«, mit den »klimatischen Bedingungen in unserem Land« nicht zurechtkommen und ein »innerdeutsches Problem bleiben«.[8] Die auf dem Firmenlogo dargestellten überdimensionierten Lippen, die großen Ohrringe und die Heiterkeit suggerierenden Augenzüge entsprechen einer rassistischen Ikonographie, die in Deutschland jeder versteht: ob im Werbespot von Hans Fischerkoesen (bspw. ›Das Strandgut‹) oder im illustrierten Kannibalenwitz – das stereotype Image ist omnipräsent in den 1950er und 60er Jahren. Infantilisiert und entindividualisiert erscheinen Afrikaner als kulturell rückständig und naiv.

Thomas Neger, der um den Wert eines etablierten Warenzeichens wissen wird und kein Interesse am Abändern hat, versucht sich eher peinlich zu rechtfertigen: »Dieses Logo gehört zu uns. Wir identifizieren uns mit ihm. Und es ist offensichtlich, dass es die Überzeichnung eines Bildes ist, das auch nur so mancher viel viel früher vielleicht von Schwarzen im Kopf hatte«.[9] Und was hat der liebe Herr Neger im Kopf gehabt? Doch wohl nicht Bilder von »viel viel früher«? Ihm fällt offensichtlich zu ›Neger‹ nicht mehr ein als das mit ihm verbundene Stereotyp, wie einst Eduard Palm, der sich 1911 von Julius Klinger für seine Palm Cigaretten eine Werbegrafik entwickeln ließ, die eine zur Karikatur degradierte schwarze Figur auf einer horizontal geschwungenen Palme sitzend zeigt und dabei raucht. [10] Die Verbindung des Namens Neger mit dem Firmenlogo ist ebenso naheliegend: ohne rassistische Projektion geht das nicht, gleich der Benutzung des Begriffs Neger in der Fototechnik, der einen dunklen Schirm zur Regulierung des Lichts bezeichnet. Dass sein Name Neger ist, ist genauso uninteressant, wie wenn jemand Hektor Rottweiler heißt. Das Problem ist nicht sein Nachname, sondern die rassistische Karikatur des Logos. Und dass den Deutschen als Bild zum Begriff nichts anderes einfällt, sagt zuvorderst etwas über deren rassistischen Wissenshaushalt aus. Daran ändert nichts, wenn Begriffe ersetzt oder Warenzeichen umgedeutet werden. Wenn in Astrid Lindgrens Pipi Langstrumpf in Zukunft nicht ›Negerkönig‹, sondern ›Südseekönig‹ steht und der Sarotti-Mohr entrassifiziert als Magier auftritt, aber ein Mohr bleibt, dann bleibt der Bedeutungsgehalt erhalten.

Thomas Neger, neben dem Stadionsprecher Klaus Hafner die qualifizierteste politische Kraft in der CDU-Fraktion in Mainz, meint: »Sollte ein schwarzer Mensch zu mir kommen, der sich wegen des Logos beleidigt fühlt, würde ich meine Haltung sofort überdenken«.[11] Hierin dürfte er sich einig sein mit einigen critical-whiteness-Aktivisten, schließlich benötigt der Kritiker den richtigen Sprechort, wie es die Stellungnahme des Fachschaftsrats Ethnologie und Afrikastudien nahelegt, schließlich sind sie der Meinung, »dass es nicht der Perspektive Weißer Menschen obliegt darüber zu entscheiden, ob sich Schwarze Menschen mit dieser Darstellung diskriminiert fühlen könnten oder nicht«.[12] Ihnen geht es aber keineswegs »um Schuldzuweisungen« – schließlich könnte es sich um real existierende Rassisten handeln, die sie aber aufgrund ihrer festgeschrieben weißen Identität nicht kritisieren dürfen, da einzig die subjektive Opferperspektive Wahrheit generieren soll.

Die sinnlose Sprachregulierung, dass das sogenannte ›N-Wort‹ tabuisiert wird oder antirassistische Ausstellungen gestürmt werden [13], ändert nichts an der gesellschaftlichen Reproduktion von Rassismus. Das infantile Gehabe: ›Was ich nicht sehe, was ich nicht höre, das gibt es auch nicht‹, dient den deutschen Mittelstandskindern als ideologische Legitimierung des Glaubens an die Kraft der Sprache. Als ob in einem Aufsichtsrat mehr Frauen oder Transgender sitzen, wenn ein Unterstrich oder ein Sternchen irgendwo erscheint. Das gleiche gilt für den Rassismus. Er ist ein Herrschaftsverhältnis. Zugestanden: er muss einen sprachlichen Ausdruck finden, doch ändert der Verzicht auf das ›N-Wort‹ nichts an der gesellschaftlichen Stellung der rassistisch Diskriminierten. Das glauben nur Idealisten. Und schlimmer: es hat eine verschleiernde Funktion. Was einst eine rassistische Alltagssprache war und sich ebenso in antirassistischen Texten eingeschlichen und im literarischen Kanon niedergeschlagen hat, wäre nicht zu tilgen, sondern als historisches Produkt zu reflektieren. Nicht die nominalistische Wiedergabe ist das Problem, sondern der historisch bedingte Bedeutungsgehalt. Womöglich ist es aber ein intrinsisches Bedürfnis des studentischen Kleinbürgers, endlich einmal dem Martin Luther King und dem W.E.B. Du Bois zu erklären, was denn eigentlich Rassismus ist.

Das Logo der Firma Neger ist nicht erst rassistisch, wenn Opfer ausfindig gemacht werden, sondern weil eine rassistische Ikonographie Verwendung findet. Und diese ist den Betrachtern nur allzu gegenwärtig. Wohl ist nicht zu erwarten, dass das Unternehmen sein Logo aufgibt, schließlich hat der gemeine Mainzer seinen Neger lieben gelernt, wie der Deutsche seinen Sarotti-Mohr. Selbst wenn das Logo umgestaltet werden sollte, wird an der Debatte und der jahrelangen Mainzer Toleranz desselben klar, dass die Abschaffung des Logos nur der Anfang sein kann. Mainzer und deutsche Zustände müssten demzufolge Gegenstand der Kritik sein. Und Kritik zielt auf Abschaffung.

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[1] Zit. n. Pfister, Simona: Rucki zucki, humbta täterä, in: FAZ, 09.01.2014, S.2.
[2] Vgl. http://www.youtube.com/watch?v=8LRFWCrIkrE, ab 2:14 min
[3] Vgl. Brüchert, Hedwig: ›Arbeitsschlacht‹, ›Arisierung‹ und ›Arbeitssklaven‹. Aspekte des Mainzer Wirtschaftslebens in der Zeit des Nationalsozialismus, S.41f. (›Eintopf‹), in: Stadt Mainz (Hrsg.): Der Nationalsozialismus in Mainz 1933-45. Terror und Alltag. Mainz: 2008, S.35-47. Dietmar, Carl / Leifeld, Marcus: Alaaf und Heil Hitler. Karneval im Dritten Reich, S.126 (›Jüdland‹). München: Herbig 2010.
[4] Vgl. Frank Bajohr: ›Unser Hotel ist judenfrei‹. Bäder-Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main: Fischer 2003.
[5] Siehe Fn. 2.
[6] http://www.golyr.de/ernst-neger/songtext-heile-heile-gaensje-355404.html
[7] Hier sei nur auf einige Publikationen verwiesen. Die mit Abstand beste Analyse der historischen Genese des deutschen Bildes von Schwarzen bietet Martin, Peter: Schwarze Teufel, edle Mohren. Afrikaner in Geschichte und Bewußtsein der Deutschen. Hamburg: Hamburger Edition 2001. Einen historischen Überblick zum Komplex des Warenrassismus in Deutschland bieten Ciarlo, David: Advertising Empire. Race and Visual Culture in Imperial Germany. Cambridge, Mass. [u.a.]: Harvard Univ. Press 2011; und Wolter, Stefanie: Die Vermarktung des Fremden. Exotismus und die Anfänge des Massenkonsums. Frankfurt am Main [u.a.]: Campus 2005. Empfehlenswert sind in Bezug auf die im Text aufgeführten Marken die Texte des Sammelbands Hund, Wulf D. / Pickering, Michael / Ramamurthy, Anandi (Hrsg.): Colonial Advertising & Commodity Racism. Wien [u.a.]: LIT 2013.
[8] Verhandlungen des Deutschen Bundestages, Stenographische Berichte, 1. Legislaturperiode, Bd. 10. 198. Sitzung am 12. März 1952, Punkt 10 der Tagesordnung, S.8505ff. Zu ›Quax in Afrika‹ [9] siehe Köppen, Manuel: Mit dem ›Dritten Reich‹ um die Welt. Kodierungen der Fremde im fiktionalen Film, S.270, in: Erhard Schütz (Hrsg.): Kunst der Propaganda. Der Film im Dritten Reich. Bern: Peter Lang 2008, S. 247-282. In Bezug auf ›Toxi‹ siehe Brauerhoch, Anette: ›Fräuleins‹ und GIs. Geschichte und Filmgeschichte, S.227-258. Frankfurt am Main [u.a.]: Stroemfeld 2006.
[9] http://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/mainz/nachrichten-mainz/volle-lippen-grosse-ohrringe_13742429.htm
[10] Ciarlo, David: Advertising Empire, S.1 und Platte 1, 16 u. 17.
[11] Siehe Fn. 9
[12] http://ethnoafri-mainz.blogspot.de/
[13] http://schreibenfuerdiewelt.blogsport.de/2012/07/09/angriffe-auf-tatort-stadion-2/